Polar Vortex-Story: "Golfstrom"

Die U-Boote bildeten den Kern seiner Flotte, deren Haupteinsatzzweck war, die Fähigkeit seiner Nation für einen atomaren Zweitschlag zu gewährleisten. Sollte irgendein Wahnsinniger auf die Idee kommen, die Russische Föderation mit strategischen Nuklearwaffen anzugreifen, waren die U-Boote „Projekt Kalmar", "Delfin", "Akula" oder "Juri Dolgorukij“, die im Westen als „Delta“ und „Typhoon“ bekannt sind, mit ihren ballistischen Raketen die Antwort. Der Rest der Nordflotte, bestehend aus Jagd-U-Booten und Überwasserschiffen verschiedener Größe, diente hauptsächlich dazu, dieses Potenzial zu schützen. Natürlich konnte man die Schiffe auch zur Unterstützung in nichtnuklearen Konflikten, allen voran den Flugzeugträger „Admiral flota Sowjetskowo Sojusa Kusnezow“ und den Schlachtkreuzer „Pjotr Weliki“, nutzen, solange die strategischen Atom-U-Boote sicher waren, dachte Tupolev über die Besprechung beim Generalstab im Moskauer Verteidigungsministerium „Monoborny“ nach.


Der sanfte Ruck bei Aufsetzten auf die Landebahn 14 des Aerodroms von Seweromorsk holte den Admiral aus seinen Gedanken. Noch während die Maschine rollte, erhob er sich aus seinem durchaus bequem gepolsterten Sitz. Er nahm sein Laptop und einen Stapel Papiere von dem freien Platz neben ihm und verstaute alles in seiner Aktentasche. Eine Ordonnanz half ihm in seinem Mantel und gab ihm seine mit goldenen Eichenkränzen besetzte Uniformmütze. Draußen war es regnerisch und dennoch mild. „Die Segnungen des Golfstroms“, dachte Tupolev. „Die Natur hat uns diese eisfreien Häfen geschenkt, und wir verseuchen die Buchten, in denen wir sie gebaut haben, mit unserem Atommüll. Wenn alle Kriege gefochten sind, müssen wir das ändern.“


Das Flugzeug hatte seine Parkposition erreicht und das Bodenpersonal die Gangway gestellt. Die Kabinentür öffnete sich. Tupolev atmete tief ein. Die Luft roch nach Meer und, wie auf jedem Flughafen, nach Kerosin. Dennoch empfand er den frischen Sauerstoff nach vier Stunden Aufenthalt in der stickigen Kabine als Wohltat. Auf dem Weg zu seinem Dienstwagen, einem schwarzen Volvo XC 60, erwiderte er den Gruß seines Adjutanten, einem immer noch jung wirkenden Kapitän 2. Ranges.
Sergej Nikolajewitsch Borrisov war der Schatten seines Kommandeurs. Der Vizeadmiral hatte bereits als Dozent auf der Marineakademie erkannt, dass der junge Borrisov das Talent hatte, in Admiralsränge aufzusteigen. Dass er es mit einem kritischen und selbständig denkenden Seemann zu tun hatte, wusste er spätestens seit einem gemeinsamen Einsatz in der Ägäis, als Tupolev das Kommando über die Einsatzflotte hatte, die unter den Augen eines vor Wut schäumenden türkischen Vize-Admirals den Bosporus durchquert hatte. Auch Borrisov konnte sich an diesen Moment noch gut erinnern. Und anstatt Dirigent des Schwarzmeerflottenchors zu werden, wie es ihm damals ein älterer Kapitän prophezeite, war er nun die rechte Hand des Chefs der Nordflotte. Er stand sogar kurz davor, selbst das Kommando über eine Einsatzflotte zu bekommen.


Unterdessen hatte der Tross um den schwarzen Volvo das Aerodrom verlassen. An einem Checkpoint hielt die Kolonne kurz an. Ein Wachposten sah die Passierscheine und verglich die Papiere der Fahrzeuginsassen mit den Namen auf seiner Kladde. Auch der Kommandeur der Flotte und sein Adjutant mussten dieses Prozedere durchlaufen.

Murmansk war inzwischen Touristenziel, an Seweromorsk hingegen war die Zeit der Entspannungspolitik zwischen West und Ost spurlos vorübergegangen. Es galt noch immer als geschlossene Stadt, in der, abgeschirmt durch Kontrollposten, Zäune und Sicherheitsdienste, strenge Zutrittsverbote und Reise- und Aufenthaltsbeschränkungen gelten. Als die Formalitäten erledigt waren, verabschiedete sich der Wachtposten und salutierte. „Vielen Dank, Herr Admira

„Ich danke ihnen!“, entgegnete Tupolev und entgegnete den Gruß.


Wenige Minuten später saß er an seinem Schreibtisch im Hauptquartier der Nordflotte der Russischen Föderation.

Er nahm den Hörer des abhörsicheren Telefons auf seinem Schreibtisch. Das Signal brauchte einige Sekunden, um die verschiedenen Verschlüsselungscomputer zu durchlaufen. Schließlich war die Verbindung hergestellt.


Bildquellen: wikipedia.org – Bellona foundation: Typhoon3.jpg / wikipedia.org – Martin Lie: MurmanskHarbour.jpg, unverändertes Originalbild / wikipedia.org - Nordflotte-gemeinfrei

    Kommentare 1

    • Toll geschrieben (und ich freue mich auch sehr über die wirklich tadellose technische Umsetzung :) )!